Dezentrale Gedenkorte

Turnstraße 11: Emilie Blum

Gedenktafel an der Turnstraße 11

Die Tafelanbringung fand am 9. November 2016 statt im Rahmen weiterer Tafelanbringungen. Insgesamt wurden sechs Stationen aufgenommen, von der ehemalige Teichstraße 10 bis zur Alleestraße 37.

Zum Schicksal von Emilie Blum
von Anna Rammonat

Emilie Blum, Sammlung Kennkarten © Stadtarchiv Pirmasens

Geboren wird Emilie Blum in Bergzabern am 24.04.1866, als Tochter von Eduard und Amalie Blum (geb. Wertheimer). Ebenfalls in Bergzabern ehelicht sie am 02.08.1887 den Schuhgroßhändler Albert Blum (*05.08.1855 in Vorderweidenthal). (Angaben siehe Quellenlage: Meldebucheintrag ff.) Der Tag von Alberts Ankunft und Anmeldung in Pirmasens wird auf den 14.07.1886 datiert. Nach drei vorangegangenen, anderen Wohnadressen in Pirmasens, ziehen Emilie und Albert schließlich am 01.08.1898 in die Turnstraße[1] 11 (Quellenlage Nr.3: Adressbuch 1936). Aus dem Verzeichnis der Anwesen von jüdischen Eigentümern“ von 1938 (Quellenlage Nr. 4) geht hervor, dass dieses Haus als Eigentum der Familie Blum vermerkt ist. Dort wird Emilie Blum als Eigentümerin des Hauses in der Holzweberstraße[2] 11, mit dem Einheitswert der Immobilie von 26.000 Reichsmark, gelistet.

Zum Zeitpunkt des Einzugs in die Turnstraße 11 sind die Eheleute Blum bereits Eltern von drei Töchtern (s. Quellenlage Nr. 5 ff.) namens Luisa Susanna (*29.04.1888 in Pirmasens), Paula Elisabeth (*30.06.1892 ebenda), und Maria Margaretha (*06.07.1894 ebenda). Luisa heiratet am 23.09.1909 Michael Maximilian Wolff (*13.11.1878 in Edenkoben) in Pirmasens.

Dr. Paula Elisabeth Blum
© StArchiv PS

Paula erlangt, nachdem sie von 1917 bis 1922 in Heidelberg, München und Würzburg studiert hat, ihre Approbation zur Augenärztin im Jahr 1924. Ein Jahr später erhält auch Maria ihre Zulassung als Kinderärztin. Die beiden Schwestern Paula und Maria wohnen daraufhin nachweislich bis 1936, mit ihrer mittlerweile verwitweten Mutter, in der Turnstraße 11. Dies belegt ein Eintrag im Einwohnerbuch der Stadt Pirmasens von 1936, der ebenso Auskunft darüber gibt, dass Luisa nicht mehr dort lebt. Nach 1936 verliert sich zudem auch die Spur von Maria, in deren Geburtsurkunde bemerkenswerterweise, anders als in den Geburtsurkunden ihrer Schwestern, kein Vermerk von 1937/38 auftaucht, in welchem darüber informiert wird, dass sie fortan den Beinamen Sara zu tragen hat. Folglich ist sie zuvor weggegangen, da ebenso keine Sterbeurkunde vorliegt, die beweisen würde, dass Maria vielleicht vorher in Pirmasens verstorben sei. Die Fragen, nach dem Verbleib von Maria und Luisa und ob sie womöglich zusammen ausgereist sind, bleiben somit offen. Zu Paula ist hingegen bekannt, dass sie im Krankenhaus der jüdischen Kultusvereinigung in Frankfurt am Main am 10.04.1940 an Gebärmutterhalskrebs stirbt.

Zu jenem Zeitpunkt befindet sich Emilie bei ihrer Tochter, da aus der Sterbeurkunde hervorgeht, dass Emilie wohnhaft in Frankfurt sei. Jedoch geht aus dem Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz nicht hervor, dass Frankfurt tatsächlich als ihr Wohnort verzeichnet wird. Hierzu findet sich lediglich die Angabe, dass Emilie in Pirmasens und Edenkoben wohnhaft gewesen ist. Bereits ein halbes Jahr nach dem Tod ihrer Tochter Paula, nämlich am 22. Oktober 1940, wird Emilie ab Baden, über die Pfalz und das Saarland in das Internierungslager nach Gurs deportiert, wo sie am 28. November desselben Jahres verstirbt.

Das französische Internierungslager Gurs

Damit ist Emilie nur eine von rund 6.500 badischen, pfälzischen und saarländischen Juden, die allein im Herbst 1940 in das Internierungslager nach Gurs gebracht werden. Das in der Region Aquitanien, unweit der spanischen Grenze und am Rande der Pyrenäen gelegene Camp de Gurs, weist zu jenem Zeitpunkt ein Fassungsvermögen von bis zu 20.000 Menschen auf und ist somit das größte von den ca. 100 in Frankreich zu Beginn des Zweiten Weltkriegs errichteten Internierungslagern (Vgl. Gurs – ein Internierungslager in Südfrankreich 1939-1943, S.5).

Emilie befindet sich unter den über 1.000 Opfern, die jenes Internierungslager fordert. Nicht etwa, weil es ein Arbeits- oder Vernichtungslager gewesen ist, sondern vielmehr wegen der desolaten Lebensumstände in diesem Lager. Auch sind von dort aus Deportationszüge entsandt  worden, weshalb Zeitzeugen Gurs auch als die „Vorhölle von Auschwitz“  bezeichnet haben (Ebd., S.5).

Nach jenem, speziell für den Raum der Pfalz und für Pirmasens, prägenden Tag (nämlich dem von Emilies Deportation) vermeldet Gauleiter Josef Bürckel: „Die Pfalz ist judenfrei!“ (vgl. Juden in Pirmasens, S.394). Denn am  22.10.1940 werden die nicht geflüchteten und die nicht bereits inhaftierten pfälzischen Juden nach Frankreich gebracht (Ebd., S.394). Damit rückt man dem nationalsozialistischen Ziel sämtliche Regionen in Deutschland nach und nach zu „arisieren“ ein Stück näher. Darauffolgend gibt Hitler die Wohnungen der deportierten Juden möbliert zur Vermietung frei und fordert zudem eine Inventarisierung aller ihrer persönlichen Gegenstände, die nun als „Beschlagnahme des Eigentums in den Besitz des Deutschen Reiches übergegangen“ (Ebd., S.394) sind.


[1] Die Turnstraße wird nach der 1898 erbauten Turnhalle des Turnvereins 1863 benannt. [2] Holzweberstraße ist die vorübergehende Bezeichnung von 1938 bis 1945 für die Turnstraße. 1945 wird diese wieder in Turnstraße umbenannt.



Standort

Rundgang am Stelendenkmal

Die Turnstraße 11 ist Teil des Rundgangs am Stelendenkmal. Einen Überblick über die weiteren Stationen und Schicksale finden Sie auf der Startseite des Rundgangs.


Nächstgelegene Gedenkorte

Ringstraße 36-38 ca. 2 min
Wegbeschreibung

Schützenstraße 9 ca. 3 min
Wegbeschreibung

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