Dezentrale Gedenkorte

Schäferstraße 20

Am Ort der heutigen Schäferstraße 20 lebten in der Zeit des Nationalsozialismus 18 Menschen jüdischen Glaubens, von denen wir Kenntnis haben. Ermordet wurden elf Menschen: Herta Chaim, Ignatz Chaim, Elsa Ehrlich, Konrad Ehrlich, Ernst Fetterer, Emma Klein, Friedrich (Fritz) Levy, Johanna Levy, Leo Samaskewitz, Olga Samaskewitz und Marga Samaskewitz. Nach neuen Erkenntnissen konnte Konrad Ehrlich den Holocaust überleben. Sein weiteres Schicksal wird derzeit recherchiert (Okt. 2019).

Den Holocaust überlebt haben fünf Menschen: Die Geschwister Samaskewitz, Gerda, Ruth, Lore und Georg sowie Julius Levy. Ungeklärt ist das Schicksal von Jenny Ehrlich und Henry Schlomer.

Gedenktafeln an der Schäferstraße 20

Die Anbringung der Gedanktafeln fand am 9. November 2015 gemeinsam mit Nachkommen der Familien Ehrlich und Samaskewitz statt. Durch das Engagement der Nachkommen konnten der Öffentlichkeit wesentliche Informationen zur Verfügung gestellt werden.

Das Anwesen in der heutigen Schäferstraße 20 trug während des nationalsozialistischen Regimes die Hausnummer 55. Die Daten zur Deportation, den Inhaftierungsorten und Todeszeitpunkten beruhen auf den Angaben des Gedenkbuchs des Bundesarchivs in Koblenz. Die Holocaust-Opfer konnten auf Grund vorliegender Originalquellen des Stadtarchivs Pirmasens diesem Wohnort zugeordnet werden.


Herta und Ignatz Chaim

Abb. Herta Chaim und Ignatz Chaim, Sammlung Kennkarten © StArchiv PS

Herta Chaim wurde am 18. März 1916 in Pirmasens geboren und war die Tochter des aus Polen stammenden Ignatz Chaim, geboren 1873. Ignatz Chaim betrieb eine Schuhgroßhandlung in der Bahnhofstraße. Beide verließen Pirmasens im Zuge der Evakuierung der Roten Zone am 1. September 1939. Der letzte bekannte Aufenthaltsort vor ihrer Deportation am 29. November 1941 war Nürnberg, Am Maxfeld 173. Die Spur von Herta und Ignatz Chaim endet im Lager Jungfernhof. Das Lager war eine Außenstelle des Ghettos Riga im heutigen Lettland. Hertha und Ignaz Chaim gelten als verschollen.

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Familie Ehrlich: Elsa, Olga (verh. Samaskewitz) und Konrad Ehrlich

Abb.: Elsa, Olga und Konrad Ehrlich. Quellen: Elsa, Konrad Ehrlich © Andrea Adle mit freundlicher Genehmigungr; Olga Ehrlich: © Kennkarten  StArchiv PS

Elsa, Olga und Konrad Ehrlich waren Geschwister. Die Familie Ehrlich stammte aus Wien und wohnte gemeinsam in der Schäferstraße. Elsa, Olga und Konrad Ehrlich wurden zwischen 1883 und 1897 in Wien geboren, die älteste war Elsa Ehrlich. Olga Ehrlich war die Ehefrau von Leo Samaskewitz, Konrad Ehrlich war der Besitzer des Hauses, in dem alle hier aufgeführten Personen zeitweise lebten. Nachdem Konrad Ehrlich im Zuge der Evakuierung Pirmasens verlassen musste wurde sein Besitz arisiert, d.h. zwangsenteignet. Über die Arisierung von Konrad Ehrlichs Besitz liegen umfangreiche Akten im Pirmasenser Stadtarchiv. Konrad Ehrlich lebte seitdem völlig verarmt in Berlin-Neukölln, Hermannplatz 9. Elsa Ehrlich war mit ihrem Bruder Konrad nach Berlin gegangen und wurde bereits 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Eine weitere Schwester, Irma Ehrlich, geboren 1893 ebenfalls in Wien, heiratete den Pirmasenser Eugen Bopp und hat den Holocaust überlebt. Sie starb am 10. März 1953. Weitere Geschwister waren Albert und Leopold Ehrlich. Das Schicksal von Jenny Ehrlich, geborene Steiner, geboren 1862 in Budapest, ist bisher ungeklärt. Sie war die Mutter der Geschwister Ehrlich und verheiratet mit Bernhard Ehrlich, der bereits 1921 starb.

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Ernst Fetterer

Abb.: Ernst Fetterer, AUS: Martin Ruch: 700 Jahre Geschichte der Juden in Gegenbach 1308-2008

Ernst Fetterer wurde in Schorndorf im heutigen Baden-Württemberg geboren. Er lebte zeitweise bei seiner Schwester Johanna Fetterer, der späteren Ehefrau von Fritz Levy, in der Pirmasenser Schäferstraße. In Gengenbach wurde Ernst Fetterer in der Pogromnacht 1938 verhaftet und ins KZ Dachau gebracht. Sein letzter Aufenthaltsort vor seiner Deportation am 1. Dezember 1941 in das Lager Jungfernhof war Stuttgart. Von Riga aus wurde Ernst Fetterer in das Konzentrationslager Stutthof bei Danzig weiter deportiert und dort 1944 ermordet. Die anstehende Abbildung stammt aus: Martin Ruch: 700 Jahre Geschichte der Juden in Gegenbach 1308-2008.

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Emma Klein

Abb. Emma Klein, Sammlung Kennkarten © StArchiv PS

Emma Klein, geborene Feibelmann, wurde 1882 in Kaiserslautern geboren und wohnte in Pirmasens, Aachen und Berlin. Offenbar hatte Emma Klein bereits vor der Evakuierung Pirmasens verlassen, denn sie soll nach den im Stadtarchiv Pirmasens vorliegenden Ausreiseanträgen am 7. März 1939 nach Metz in Frankreich ausgewandert sein. Sie ist nicht mehr nach Pirmasens zurückgekehrt. Vor ihrer endgültigen Deportation muss sie sich in Berlin aufgehalten haben. Am 13. Juni 1942 wird sie zunächst in das Vernichtungslager Sobibor und danach in das Vernichtungslager Majdanek, deportiert und dort zu einem unbekannten Zeitpunkt für tot erklärt.

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Friedrich (Fritz) Levy, Johanna Levy, geb. Fetterer, Julius Levy

Abb.: Johanna, Julius und Fritz Levy Foto © Otmar Weber mit freundlicher Genehmigung. Rechts: Johanna Levy, Sammlung Kennkarten © StA PS

Friedrich, genannt Fritz Levy, wurde 1900 in Dahn geboren. Seine Eltern waren Dina und Simon Levy. Fritz Levy war verheiratet mit Johanna, geborene Fetterer, Schwester von Ernst Fetterer. Johanna Levy wurde 1902 im württembergischen Schorndorf geboren. Das Ehepaar hatte einen gemeinsamen Sohn, Julius Levy, der am 22. Juni 1930 in Annweiler geboren wurde und den Holocaust in Südfrankreich überlebt hat. Julius Levy, inzwischen führt er den Namen Jules, lebt heute in Frankreich. Fritz Levy war Kaufmann und wurde während des November Pogroms 1938 in Pirmasens festgenommen und in Dachau inhaftiert. Nach seiner Entlassung ist Fritz Levy nochmals nach Pirmasens zurückgekehrt. Im  Zuge der Evakuierung der Roten Zone haben Fritz Levy und seine Frau Johanna dann Pirmasens endgültig verlassen. Ihr letzter bekannter Aufenthaltsort war Stuttgart. Am 26. April 1942 wurden Fritz und Johanna Levy ins Ghetto Izbica bei Lublin in Südpolen deportiert und zu einem späteren Zeitpunkt in Auschwitz für tot erklärt. Für Fritz und Johanna Levy wurden in Dahn Stolpersteine verlegt.

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Leo, Olga, Marga und die überlebenden Geschwister Gerda, Ruth, Eleonore und Georg 

Abb.: Leo Samaskewitz, Olga Samaskewitz, geb. Ehrlich Fotos: Sammlung Kennkarten © StA PS. Von Marga Samaskewitz ist kein Bild vorhanden. Die Geschwister Ruth, Eleonore, Georg und Gerda Samaskewitz, London 1951 Foto: © Andrea Adler mit freundlicher Genehmigung

Leo Samaskewitz wurde 1897 in Schöneck, dem heutigen Skarszewy in Polen, geboren. Leo Samaskewitz war verheiratet mit Olga, einer der Ehrlich-Geschwister. Das Ehepaar hatte fünf Kinder, Marga, Gerda, Ruth, Lore und Georg  Samaskewitz. Gerda, Ruth, Lore und Georg haben den Holocaust überlebt. Gerda wurde im März 1939 mit zwei weiteren Kindern aus Pirmasens mit dem Kindertransport nach Frankreich gebracht. Ruth, Lore und Georg konnten von den Eltern über die Kindertransporte nach England gerettet werden. Wegen der strikten Altersvorgaben der Nationalsozialisten konnten jüngere Kinder - wie Marga Samaskewitz - nicht gerettet werden. Marga Samaskewitz hat den Holocaust nicht überlebt. Sie wurde mit nur sechs Jahren in das Ghetto Lodz deportiert und im Vernichtungslager Kulmhof (Chelmno) ermordet. Leo Samaskewitz war Kaufmann und wurde in Pirmasens in der Pogromnacht festgenommen und am 12. November 1938 im Konzentrationslager Dachau inhaftiert. Nach seiner Entlassung aus dem KZ Dachau am 16. Dezember 1938 hat er sich bei der Polizeibehörde in Pirmasens zurückgemeldet. Im Zuge der Evakuierung haben Leo und Olga Samaskewitz Pirmasens für immer verlassen und hielten sich bei Konrad Ehrlich in Berlin auf. Von dort wurde Leo Samaskewirz am 18. Oktober 1941 in das Ghetto nach Lodz in Polen deportiert. Nach der Räumung des Ghettos durch die Wehrmacht wurde er am 30. Juni 1944 in das Vernichtungslager Kulmhof (Chelmno) gebracht und dort ermordet. Der letzte bekannte Aufenthaltsort von Olga und ihrer Tochter Marga Samaskewitz war Berlin, Kottbuser Damm 77. Olga Samaskewitz wurde 1944 ebenfalls im Vernichtungslager Kulmhof (Chelmno) ermordet. Leo, Olga und Marga Samaskewitz haben Eingang in das Neuköllner Gedenkbuch gefunden.

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Henry Schlomer

Abb.: Heinrich (Henry) Schlomer, Sammlung Kennkarten © StArchiv PS

Das Schicksal von Henry Schlomer, der ebenfalls in der Schäferstraße lebte, ist bisher nicht geklärt. Im Bundesarchiv wird er nicht als Holocaust-Opfer geführt. Henry Schlomer wurde am 19. September 1883 in Lübeck geboren und war Kaufmann. Laut den in Pirmasens vorliegenden Quellen wurde er beim November Pogrom 1938 verhaftet. Seine letzte Spur findet sich im Kennkartenantrag, nach der Henry Schlomer 1939 auswanderte. (Recherche Frank Eschrich)

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