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Pirmasens verleiht Hugo-Ball-Preis an Schriftstellerin Ilse Kilic
Die öffentliche Matinee bildet den Auftakt zu einer Reihe von Veranstaltungen, die an das Leben und Wirken des großen Stadtsohns erinnern, dessen Todestag sich 2027 zum 100. Mal jährt. Geplant sind Ausstellungen, Konzerte, Theateraufführungen, Lesungen und Vorträge sowie Installationen im öffentlichen Raum.
„Ilse Kilic ist ein bodennaher Fixstern am Firmament der deutschsprachigen Experimentalliteratur“, heißt es in der Begründung der Jury. Lokal vernetzt und mit wacher Weitsicht beschäftige sich die 68-Jährige seit vielen Jahrzehnten mit den großen Fragen von Sprachphilosophie, Leben und Welt, die sie in ihrer stilsicheren, unvergleichlichen Punk-Ästhetik mithilfe von beantwortbaren Fragen erfasse. „Ob der Grundmodus Erzählung oder Essay ist, hoch ist der Unterhaltungsfaktor und diamanten die Härte und Schärfe der Gedanken“, urteilt die Jury weiter.
In Wien geboren, gehört Ilse Kilic zu den prägendsten Künstlerinnen der österreichischen Gegenwartsliteratur. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Graphic Novel, Spiel- und Regelpoesie, Nicht-Erzählung und visuelle Poesie. Inhaltlich befasst sich Kilic mit den Lebensbedingungen von Personen inner- und außerhalb literarischer Texte. Dabei spielt Kritik der (gesellschaftlichen) Realität und Wirklichkeit eine ebenso große Rolle wie Sprachexperiment und das Spiel „mit und gegen die Regel“. Sie schafft Werke von sprachlicher Präzision und spielerischer Haltung, angelehnt an die Konzeption der Oulipo-Gruppe sowie an Punk- und Post-Punk-Haltungen. Seit 1986 sind viele ihrer Arbeiten mit Fritz Widhalm im gemeinsamen Kunstprojekt „Das fröhliche Wohnzimmer“ entstanden, einem multimedialen Raum, der Literatur, Zeichnung, Musik und Performance vereint. Zwischen 2006 und 2021 betrieben Ilse Kilic und Fritz Widhalm in einem Ladenlokal in der Wiener Josefstadt einen Treffpunkt zum literarischen, künstlerischen und solidarischen Austausch. Diesem war ein Glücksschweinmuseum mit über 700 Exponaten angegliedert. Kilic ist seit 2019 Präsidentin der Grazer Autorinnen und Autorenversammlung und wurde für ihr Schaffen mehrfach ausgezeichnet, darunter 2016 mit dem Veza-Canetti-Preis der Stadt Wien und dem Heimrad-Bäcker-Preis (2024). Ihre literarischen Arbeiten erscheinen seit 1996 zu einem großen Teil im Ritter Verlag (Klagenfurt).

Die Jazz-Posaunistin und Komponistin Anke Lucks erhält den Hugo-Ball-Förderpreis. Die 51-Jährige stammt aus Mettmann und lebt seit 2000 in Berlin. Auf einer ihrer letzten CDs beschäftigte sich Lucks unter dem Titel „Gadjama“ mit dem Lautgedicht „Gadji beri bimba“ von Hugo Ball.
Die Jury schreibt in ihrer Begründung: „Der Jazz ist immer noch eine Männerdomäne. Dabei müssen Jazzmusikerinnen sich immer noch gegen Widerstände Gehör verschaffen.“ Es habe in den Jahren 2023/24 eine harte Debatte um die Sicht- und Hörbarkeit von Jazzmusikerinnen auf Konzertbühnen und Jazzfestivals in Deutschland gegeben. Dass diese von einem männlichen Musiker stellvertretend losgetreten wurde, spreche Bände, heißt es weiter. Es gehe bis heute nicht um Quoten; es gehe um Qualitäten! „Eine große Jazzband um den Schlagzeuger Günther ‘Baby‘ Sommer, in der neben Anke Lucks auch weitere Musikerinnen spielen, nennt sich nun bereits ‘New Generation of Sister and Brotherhood of Breath‘. Immerhin!“
Lucks näherte sich ab 1995 durch verschiedene Musikstudien in Hannover und Boston dem Jazz. Von 2000 bis 2004 studierte sie Jazzposaune in Berlin. Rund zehn Jahre tourte sie als Posaunistin in unterschiedlichen Projekten und spielte Theater- sowie Filmmusiken. Seit 2015 widmet sie sich verstärkt eigenen Projekten, so näherte sie sich Kurt Schwitters „Ursonate“, einem globalen Manifest der Grenzüberschreitung in künstlerisches Neuland. Lucks hat zu diesem Lautgedicht eine Musik geschrieben, die sich zwischen freier Assoziation und komponierter Strenge bewegt. Die Rezitation wird dabei zur lautmalerischen Rhythmusmaschine, an die sich die Musik anpasst. 2016 feierte Lucks‘ musikalische Bearbeitung auf dem Berliner Theatertreffen seine Uraufführung. Im Nachgang hat sie zusammen mit dem Rezitator Thomas Krüger und dem Bläserquintett Fümms Bö Brass das Stück weltweit gespielt.
Förderung für ihre Arbeit als Posaunistin und Komponistin erhielt Anke Lucks durch Stipendien des Berliner Senats, des Musikfonds und des Deutschen Musikrats. 2017 gründete Lucks zusammen mit Almut Schlichting und Christian Marien die „Insomnia Brass Band“. Das Trio wurde im April 2023 mit dem Deutschen Jazzpreis in der Kategorie „Band des Jahres“ ausgezeichnet.
Stichwort: Mit dem Hugo-Ball-Preis würdigt die Siebenhügelstadt das Werk des in Pirmasens geborenen Künstlers, Schriftstellers und Kriegsgegners. Ball (1886-1927) hat – u. a. 1916 im Zürcher Cabaret Voltaire – mit Dada eine der einflussreichsten Kunstrichtungen des 20. Jahrhunderts mitbegründet. Mit dem Kulturpreis geehrt werden lebende Persönlichkeiten, die geisteswissenschaftlich und/oder künstlerisch im Sinne Hugo Balls arbeiten. Der Hauptpreis ist mit 10 000 Euro dotiert. Außerdem wird ein Förderpreis mit 5 000 Euro ausgelobt. Nach den 2024 erweiterten Vergabe-Richtlinien wird der Förderpreis an Kunstschaffende verliehen, die sich in besonderem Maße gegen Ausgrenzung und Diskriminierung einsetzen. Der aktuellen Jury gehören die Autoren Ann Cotten und Feridun Zaimoglu sowie der Schriftsteller, Kurator und Verleger Uwe Warnke an.
Zu den bisherigen Preisträgern zählen Oskar Pastior, Cees Nooteboom, Robert Menasse, Klaus Wagenbach, Patrick Roth, Feridun Zaimoglu, Max Goldt, Andreas Maier, Thomas Hürlimann, Ann Cotten und zuletzt Bov Bjerg. Der Medienkünstlerin Hito Steyerl war der Hauptpreis 2023 zugesprochen worden. Für den Förderpreis war Olivia Wenzel nominiert. Auf beider Wunsch hin wurde die Verleihung ausgesetzt und die Preisgelder zugunsten einer Debatte verwendet, die eine erweiterte Auseinandersetzung mit Antisemitismus und anderen Formen der Diskriminierung ermöglichte.
www.pirmasens.de/hugoballpreis


