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Der Wasgenwald: Waldbilder, Märchen und Idyllen

Wo junge Frauen malen lernten: Die Künstlerkolonie Obersteinbach

Ab Samstag, 17. September 2022, sind im Alten Rathaus beindruckende Kunstwerke, Fotografien und Dokumente der „Malweiber“ zu sehen. Die Schau ist gleichzeitig ein Stück gelebter deutsch-französischer Partnerschaft.

 

Begeistert von der bunten Hügellandschaft und den Sandsteinburgen, darunter Fleckenstein und Wasigenstein, gründete 1896 der Karlsruher Professor Franz Hein in Obersteinbach eine kleine Kunstschule, die bald regen Zulauf fand. Er gab den „Malweibern“ Unterricht, weil Frauen damals nur ausnahmsweise an Kunstakademien studieren konnten. Es entstand ein „Worpswede der Nordvogesen“, dessen Erzeugnisse sich später in Galerien bis München, Halle, Karlsruhe und Wien wiederfanden.

 

Im Besonderen waren es Künstlerinnen, die jenseits der starren Akademien nach künstlerischer Freiheit und Selbstbestimmung suchten. Zu ihren Sujets gehörten blühende Bäume, Waldstücke und Gebäude – allesamt Motive, die seinerzeit an den Kunstakademien als „malunwürdig“ galten.

 

Nicht wenig verwundert waren die Dorfbewohner über die mondänen Damen, die ausgerüstet mit Staffelei und Sonnenschirm in die Landschaft zogen. Man nannte sie etwas abschätzig „Malweiber“ und doch ergab sich aus diesem Spannungsfeld städtischen Lebens und dörflicher Beschaulichkeit eine Belebung, die sich vor allem in einer sich veränderten Infrastruktur niederschlug – mit Cafés und Hotels, die zum Teil bis heute erhalten sind. Die touristische Bedeutung zeigt sich auch daran, dass es kaum einen Ort im Nordelsass gibt, der sich auf derart vielen Ansichtskarten wiederfindet.

 

Neben den 25 Kunstwerken, zum überwiegenden Teil Originale, dokumentiert die Ausstellung insbesondere auch das Leben der Malerkolonie, sowohl in Fotografien als auch Briefen, Lithographien, Skizzenbücher, Holzschnitten und Kunstmappen. Besonders beeindruckend ist ein Gästebuch mit Zeichnungen und zahlreichen Aufnahmen des Lebens vor Ort. Neben der Malerei nutzten die Künstlerinnen auch Gedichte, um ihr starkes Gefühl für die Landschaft auszudrücken.

 

Der Wasgenwald oder auch „Wasichenwald“ galt insbesondere dem Gründer der Malerkolonie, Franz Hein, als ein Ort des Märchens und der Idylle. Lange Zeit schon war er auf der Suche, hatte Studienreisen an mehrere Orte unternommen, als er auf einer Durchreise den idyllischen Flecken entdeckte. Der Wasgenwald gilt als eine alte Bezeichnung der Mittelgebirgslandschaften Wasgau und Vogesen. Nachdem er in Obersteinbach Rast gemacht hatte, war es für ihn entschieden, dass er nun endlich, am Fuße des Wasigensteins, das „Land des Märchens“ gefunden hatte. Dieser sagenhafte Charakter mag auch damit zusammenhängen, dass die Burg Wasigenstein bereits im damals populären „Waltharilied“ eine Rolle spielt. So soll sie der Schauplatz einer in der Heldendichtung erzählten Schlacht gewesen sein.

 

Insgesamt zwölf Jahre blieb Obersteinbach Anlaufpunkt für Kunstschaffende, bis 1918, zum Ende des Erden Weltkrieges, als aus der damaligen Bezirks- eine Staatsgrenze wurde, die Einreise und Aufenthalt erschwerte. Obwohl noch manche der Kunstwerke in Museen ausgestellt waren, geriet die Malerkolonie in Vergessenheit. Der zufällige Fund eines Weidenkorbs mit Lithografien der ehemaligen Schülerinnen auf einem Speicher entpuppte sich als Glückfall. Durch das Engagement des ansässigen Heimatvereins, darunter Christelle Ullmann, sowie durch die Bemühungen von Bernhard Bonkhoff, der sich auf Spurensuche begab, kamen immer mehr Dokumente, Bilder und Kunstwerke zum Vorschein, die inzwischen in den zwei Bänden „Die Malerkolonie Obersteinbach, Colonie des Peintres, 1896-1918“ zusammengefasst sind. Auf Bonkhoffs Recherchen sowie auf die Leihgaben des Heimatvereins Obersteinbach gründet sich die Sonderausstellung im Alten Rathaus.

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Auf einen Blick: Die Sonderausstellung „Der Wasgenwald: Waldbilder, Märchen und Idyllen. Die Malerkolonie in Obersteinbach“, ist vom 17. September 2022 bis 28. Februar 2023, im Stadtmuseum Altes Rathaus, Hauptstraße 26, zu sehen. Die Einrichtung ist jeweils dienstags bis sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt für Erwachsene beträgt 2,50 Euro, Kinder und Schüler haben freien Eintritt. Die Eintrittskarte berechtigt zum Besuch der Dauerausstellung „Wald, Schloss, Schuh – die Geschichte der Siebenhügelstadt Pirmasens“ sowie des Scherenschnittkabinetts der Papierkünstlerin Elisabeth Emmler. Auskunft beim Stadtarchiv, Telefon: 06331/842299; E-Mail: stadtarchiv@pirmasens.de