HINTERGRUND
Die alte Hauptpost in Pirmasens


Bei der Planung der Hauptpost in Pirmasens mit ihren 8.200 Quadratmetern in den 1920er Jahren stand die Funktionalität klar im Vordergrund. Das 1928 errichtete denkmalgeschützte Bauwerk mit Elementen der Bauhaus-Architektur wurde nur 30 Jahre nach dem Königlich-bayerischen Postamt auf der gegenüberliegenden Straßenseite eröffnet aufgrund des wirtschaftlichen Aufschwungs der Stadt: 1926 gab es hier und im direkten Umland 500 Schuhfabriken mit mehr als 22.000 Arbeitern, deren Produktion fast komplett per Post zu den vielen Einzelhändlern gelangte.

In Pirmasens, der Schuhmetropole, wurden anfangs 9.000 Stück täglich versandt. Um die Schnelligkeit der Sendungen zu erhöhen, feilte man an den Umschlagverhältnissen. Bereits in der Planungsphase für das neue Postamt wurden die Weichen für eine schnelle Paketabfertigung gestellt. Auf einen Handbetrieb, so es ging, wurde weitgehend verzichtet. Als eines der ersten Postämter überhaupt erhielt die vom Architekten Heinrich Müller entworfene Hauptpost eine mechanische Abfertigung. Im Neubau integriert waren drei verschiedene Vertriebswege: die Briefabfertigung und Verwaltung, die Paketzustellung und die Paketannahme. Die Briefabfertigung erhielt 12 Tag- und zwei Nachtschalter. An der Paketzustellung konnten bei der Verladung gleichzeitig sechs Zustellwagen angefahren werden. Für die Paketannahme standen sechs Massenschalter mit direkt angeschlossenen Sortier- und Beförderungsbändern zur Verfügung. Sie waren mit den im vierten Untergeschoss untergebrachten Bahnanschlussrampen verbunden und fassten zwei Arbeitsgänge in einem zusammen: Transport und Sortierung. Die Gleichförmigkeit in Größe, Form und Gewicht der zum Versand kommenden Schuhpakete und natürlich Höhenunterschiede der Anlage begünstigten die Einrichtung einer mechanischen Förderanlage im besonderen Maße. Die architektonische Gestaltung war im Wesentlichen beeinflusst von der Funktion im Inneren. Die künstlerische Gestaltung war einfach und klar und verzichtete auf dekorative Elemente. Eine Straffung der Massen war das einzige wirkende Element.

Paketgroßraum-Kraftwagen bringen regelmäßig die Pakete von Großversendern in den Schuhindustrieorten im Bereich der Postämter Pirmasens, Dahn, Hauenstein, Waldfischbach, Rodalben und Zweibrücken unmittelbar zum Postamt Pirmasens. Dazu kommen noch die vielen Pakete, die von den Fabrikaten bei den Postämtern in und um Pirmasens aufgegeben werden. Eine ungeheure Zahl von Schuhpaketen läuft so beim Postamt Pirmasens zusammen. Einem Prospekt der Oberpostdirektion Neustadt/Weinstraße aus dem Jahre 1953 zufolge verlassen in den 1950er Jahren täglich im Durchschnitt 15.000 Postpakete und 5.000 Päckchen die Schuhstadt und bringen den Pirmasenser Schuh auf dem raschesten Weg in alle Orte des Bundesgebietes. Dieser Strom der Sendungen schwillt im Spitzenverkehr – in der Herbst- und Frühjahrssaison und dann vor Weihnachten und Ostern – bis auf täglich 20.000 Pakete und rund 8.000 Päckchen und mehr an. Konkret wurden beispielsweise im Jahr 1952 vier Millionen Pakete und zwei Millionen Päckchen vom Postamt Pirmasens weiterbefördert, das sind 2,5 Prozent der gesamten Paketauslieferungen des Bundespostgebietes. Zahlreiche Fernzüge verbinden Pirmasens dabei mit den Schwerpunkten des Paketverkehrs in der Bundesrepublik. So laufen täglich Päckereiwagen in Postsonderzügen nach Berlin, Hamburg, Hannover, Kassel, München und Nürnberg, wo die Pakete im Laufe des nächsten Tages, spätestens am übernächsten Tag zugestellt werden. Diese Verbindungen werden ergänzt durch die Päckereikraftposten: Die Wagen dieser Linien verlassen bei Tag und besonders häufig bei Nacht das Postamt Pirmasens, um die Lücken der Bahnverbindungen auszufüllen. Die Päckereikraftpostlinien dienen der schnelleren Beförderung im Nahverkehr, reichen aber auch bis Frankfurt/Main, Mannheim, Heidelberg, Stuttgart und Karlsruhe.

An der Grenze zwischen der früheren Pirmasenser Altstadt und den Stadterweiterungen des 19. Jahrhunderts gelegen, hat die 1930 fertiggestellte Hauptpost noch heute städtebaulich eine wichtige Torfunktion für die Innenstadt. Der vom Bahnhof aus riesenhaft wirkende Quader steht als Querriegel die Bahnhofstraße flankierend erhöht auf einem in Beton ausgeführten Sockel, durch dessen fünf große Tore früher der Eisenbahn-Güterverkehr das Gebäude direkt anfahren konnte. Postbaurat Heinrich Müller gleicht so auch den durch die charakteristische Pirmasenser Topographie bedingten Höhenunterschied zwischen Bahnhofsareal und Schützenstraße aus.

Die enormen Fassadenflächen der Längsseiten werden durch 15 vertikale Fensterachsen gegliedert, wobei Müller diese Gliederung durch je drei Rundbogenfenster auf der Bahnhofseite, die kleineren Schießschartenfenster der obersten Fensterreihe sowie links und rechts der Lochfassade durch je ein außenliegendes Regenfallrohr rhythmisiert. Die kürzeren Querseiten weisen fünf Fensterachsen gleichen Formats auf, wiederum mit den abgesetzten kleineren Fenstern der letzten Reihe; ein Portal ergänzt die Seite zur Bahnhofstraße hin.

Zur Schützenstraße setzt Müller sein Gebäude deutlich zurück, ein Platzraum entsteht. Dies ist ein deutliches Zeichen einer modernen, den Mensch und die Aufenthaltsqualität und Verweildauer im urbanen Umfeld in den Mittelpunkt stellenden Entwurfshaltung. Gleichzeitig nimmt der Entwurf auch die bestehende Blockrandbebauung im Nordwesten des kleinen Platzes auf. In einem mit einseitigem Zeltdach versehenen Anbau ist der Haupteingang untergebracht.

Nicht zuletzt in Folge des Niedergangs der ortsansässigen Schuhindustrie seit den 1980er Jahren wurde die Hauptpost 2005 geschlossen. Nach dem Kauf des Gebäudes durch die amerikanische Private-Equity-Gesellschaft Lone Star und mehreren Jahren Leerstand übernahm 2015 der Pirmasenser Unternehmer Ralph Barlog das Haus und nutzte es bis zum Verkauf an die Stadt für Konzerte und Kunstausstellungen.



Weitersagen
Lesezeichen / Empfehlung